Wie deutsche Schreibtischkrieger die Ukraine opfern

 Als ich dieser Tage las, wie ein namhafter Sozialdemokrat - bis 2021 langjähriger Bundestags-abgeordneter und verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: Dr. Fritz Felgentreu - im Journal der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung sein Publikum mit einer wirklich geballten Kanonade an Russland-Beschimpfung überfällt, um damit allen Ernstes das finale Opfer der Ukraine zu begründen, fielen mir wie unter Blitzlicht die ideologischen Scheuklappen auf, die es der politischen Elite in Deutschland unmöglich machen, eine sachgerechte, eigenverantwortliche Position in der Welt von heute und morgen zu finden. Wo in anderen Ländern - und deren Zahl wächst von Woche zu Woche - verantwortliche Kreise die tatsächlichen Kriegsursachen analysieren und zu überwinden suchen, um den Konflikt zwischen der NATO und Russland besser heute als morgen zu beenden, stützen hierzulande die Verantwortlichen ihr Kriegsgeschrei buchstäblich auf nicht mehr als angelernte ideologische Sprechblasen. 

Das geht bei Herrn Felgentreu schon im allerersten Absatz los mit der Behauptung: "Putins Russland ist eine revanchistische Großmacht, die versucht, verlorene Teile ihres Imperiums zurückzuerobern." Punktum! Putins Russland! Zwar wird die Behauptung unbelegt einfach so heraus posaunt, aber das reicht ihm schon für die sofortige Schlussfolgerung: "Es ist deshalb folgerichtig, dass der Prozess" (zu Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen) "sich der Logik des Moskauer Revisionismus unterwirft." Folgerichtig! Weil Revisionismus! "Russische" Aggressivität! - Hohle Propagandaphrasen, mit denen die realen Interessen der Kriegsgegner verhüllt werden.

So geht es weiter. Als nächstes behauptet Felgentreu, Russlands "Vision" (!) einer 'multipolaren' Weltordnung (die Gänsefüßchen hier meint er vermutlich abwertend) verlange die "Anerkennung legitimer Einflusssphären der Großmächte" wie im 19. Jahrhundert, obgleich dies Konzept ja schon "in zwei Weltkriegen katastrophal gescheitert" sei. "Deshalb" (!) habe "die Weltgemeinschaft" (wer bitte? etwa die ganze Welt? nur die vormaligen Kolonialherren!) "es durch die regelbasierte Ordnung ersetzt." - Ah, da sind wir wieder auf der Seite der Guten, und das Böse steht gleich im nächsten Satz: "Moskau kämpft in der Ukraine auch für die Beseitigung dieser Ordnung."

Also bloß nicht verhandeln, denn "letztlich wäre damit eine Bestätigung der Kriegspolitik des Kreml verbunden." Waffenstillstand bedeutet nach Felgentreu: "dass der Angriffskrieg als Mittel der Außenpolitik rehabilitiert wird." - Schlimmer noch: "Ein neu ausgehandeltes 'Helsinki II' bedeutete: Die regelbasierte Weltordnung wird zugunsten eines Gleichgewichts der Großmächte unter Anerkennung ihrer Einflusssphären aufgegeben." Wir machen uns die Welt wie Pippi Langstrumpf, tralla hoppsassa: wie sie uns gefällt.

Folglich hält so ein richtig harter deutscher Sesselheld für "richtig: Die Ukraine muss die Unterstützung bekommen, die sie zu einer erfolgreichen Verteidigung braucht." Und damit kein Zweifel aufkommt, was er damit meint, ergänzt er sogleich: "Verteidigung beinhaltet ausdrücklich auch die Befreiung besetzter Gebiete. Dass das nur zu erreichen ist (...) durch ein hartnäckiges Ringen mit einem auf den langfristigen Erfolg angelegten Plan, liegt auf der Hand." 

- Nicht auf der Hand, sondern unterm Teppich hält so ein Schreibtischkrieger, ob und wie das die Ukraine überlebt.

 Quelle: https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/kein-exit-ins-19-jahrhundert-6903/

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