Antje Vollmers Vermächtnis einer Pazifistin: „Was ich noch zu sagen hätte“
Die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages kritisiert die Grünen dafür, dass sie sich vom Pazifismus abgewendet haben. Im Essay formuliert sie ihr politisches Fazit. Ein Gastbeitrag in der Berliner Zeitung.
Antje Vollmer
23.02.2023
Ich stand auf dem
Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich näherte sich auf
dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern – mit Mardern,
Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte
geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost.
Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen.
Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit Militärtransporte
voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. Sie würden sich nicht zu einer
Panzerschlacht im Stile des ersten Weltkrieges irgendwo in der Ukraine treffen.
Nein, sie würden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund
zwischen zwei Machtblöcken markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum
letzten Mal in einer Konfrontation mit möglicherweise apokalyptischem Ausgang
gegenübersteht. Wir befanden uns also wieder im Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen
Bedrohung – ohne Ausweg, ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang
politisch gekämpft habe, war mir in diesem Moment präsent als eine einzige
riesige Niederlage.
Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie
erzählt
Es
ist üblich geworden, zu Beginn jeder Erwähnung der ungeheuren Tragödie um
den Ukraine-Krieg wie
eine Schwurformel von der „Zeitenwende“, vom
völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender
Alleinschuld der russischen Seite zu reden und demütig zu bekennen, wie sehr
man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der Entspannung und der
Versöhnung mit Russland nach der großen Wende 1989/90.
Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um überhaupt weiter mitreden zu dürfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber häufig genau die zentralen Fragen, die es eigentlich zu klären gäbe.
Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann
und wie entstand aus einer der glücklichsten Phasen in der Geschichte des
eurasischen Kontinents, nach dem nahezu gewaltfreien Ende des Kalten Krieges,
diese erneute tödliche Eskalation von Krieg, Gewalt und Blockkonfrontation? Wer
hatte Interesse daran, dass die damals mögliche friedliche Koexistenz zwischen
Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem Antagonismus
anheimfiel?
Und dann die Frage
aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit all
seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft,
zum Zentrum einer friedlichen Vision für den bedrohten Planeten zu werden?
Für die Deutung historischer Ereignisse ist es immer
entscheidend, mit welchen Aspekten man beginnt, eine Geschichte zu erzählen.
Russlands große Vorleistung des Gewaltverzichts
Ich
widerspreche der heute üblichen These, 1989 habe es eine etablierte europäische
Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten
Russlands unter dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerstört worden sei, bis es
schließlich zum Ausbruch des Ukrainekrieges kam.
Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als „Pax atomica“ bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu schaffen, wäre die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die visionäre Phantasie Europas und des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen europäischen Friedensordnung auszudenken, das allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion einen Platz verlässlicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht hätte.
Zwei
Gründe sind dafür entscheidend. Beide haben mit alten europäischen Irrtümern zu
tun: Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch
der Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im
Systemkonflikt zwischen Ost und West interpretiert, der damit endgültig die
historische Niederlage des Ostens besiegelte. Dieser Hang, sich zum Sieger zu
erklären, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund für viele
Demütigungen, die das ungleiche Verhältnis zum Osten prägen.
Die Unfähigkeit, nach so umfassenden Umbrüchen andere
gleichberechtigte Lösungen zu suchen, hat in dieser fatalen Überheblichkeit
ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das ungeheure und einzigartige
Verdienst der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow mit einer verblüffenden Ignoranz
als gerngesehenes Geschenk der Geschichte eingeordnet: Die große Vorleistung
des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das Freiheitsbestreben der Völker des
Ostblocks galt als nahezu selbstverständlich.
Michail Gorbatschow hat viele seiner Bürger enttäuscht
Das
aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig
Gewicht dem beigemessen wurde, dass die Auflösung eines sowjetischen
Weltimperiums nahezu gewaltfrei vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses
einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so: Wie ein Kartenhaus, hochverdient und
unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich zusammengesackt.
Dass gerade diese Gewaltfreiheit das größte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als Schwäche gedeutet. Es gibt aber kaum Vorbilder in der Geschichte für einen solchen Vorgang. Selbst die schwächsten Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzmäßig dazu, eine Orgie von Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen Untergang mitzureißen – wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.
Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich geschwächt, verfügte über das größte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es wäre ein Leichtes gewesen, das alles zu mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.
Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher,
welche staatsmännische Leistung es war, lieber „Helden des Rückzugs“
(Enzensberger) zu sein, als in einem letzten Aufbäumen als blutige Rächer und
Schlächter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail Gorbatschow
fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die Enttäuschung vieler seiner
Bürger eingebracht. Es hieß, er habe nachträglich den Großen Vaterländischen
Krieg verloren.
Die großen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne
vergessen
Wie
ein stummes Mahnmal gigantischer europäischer Undankbarkeit steht dafür der
erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl größten Staatsmann
unserer Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es wäre ein Gebot der
Stunde gewesen, dass die Granden Europas Michail Gorbatschow, der längst im
eigenen Land isoliert war, ihre Hochachtung und ihren Respekt erwiesen hätten,
indem sie sich vor ihm verneigten.
Zumindest
aus Deutschland, das fast ihm allein das Glück der Wiedervereinigung verdankt,
hätte ein Bundespräsident Steinmeier an diesem Grab stehen müssen. Die Einsamkeit
um diesen Toten war unerträglich. So nutzte ausgerechnet Viktor Orbán die
Chance, diesen Boykott einer angemessenen Würdigung zu unterlaufen. Es bleibt
ein beschämendes Zeichen, ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage
später drängelten sich die Repräsentanten des europäischen Zeitgeistes dann
alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und des deutschen Papstes Benedikt
XVI.
Bis heute ist mir
schwer verständlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der
Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den
Bewegungen der friedlichen Bürgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja
hautnah die Ängste erfahren, was alles hätte passieren können, wenn es 1989 in
Ost-Berlin eine ähnliche Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking
gegeben hätte.
Und tatsächlich ist ein Teil der heutigen
Zurückhaltung im Osten Deutschlands gegenüber der einseitigen Anprangerung
Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben. Mediale Wortführer
und Interpreten aber wurden andere – und sie wurden immer dreister. Immer
kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der
Gewaltfreiheit auf sowjetischer Seite, immer wirkmächtiger wurde die Legende
von der eigenen großartigen Widerstandsleistung.
Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand
und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt
durchaus maßvoll war und den Grad überlebenstüchtiger Anpassung nicht
wesentlich überschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute
wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere Kräfte zum großen
Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz
und Mut gewagt hatte.
Billige antirussische Ressentiments
Das
mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erwähnenswert.
Fatal allerdings ist, dass dieser Teil der Bürgerrechtler heute zu den
eifrigsten Kronzeugen eines billigen antirussischen Ressentiments zählt. Dies
knüpft dabei bruchlos an jene Ideologie des Kalten Krieges an, die vom
berechtigten Antistalinismus über den verständlichen Antikommunismus bis hin
zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen Feindbildern bis
heute prägt.
Die
wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden müssten,
lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europäische Nation zu sein? Was
unterscheidet uns von anderen? Welche Fähigkeiten muss eine Nation erwerben, um
dazuzugehören? Was sind die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale prägen
uns? Welche Irrtümer und Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit
wachgerufen am Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen die russische
Aggression.
Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten
sein
In unseren Medien verkörpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so heißt es, kämpfe nicht nur für ihre eigene Nation, sondern zugleich für die universale historische Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt, gilt als Bollwerk für die europäischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der Verständigung und der Versöhnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute heißt, Europäer zu sein und die europäischen Tugenden zu verkörpern.
Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterhöhung liegt hier die Wurzel, die ich für den Grundirrtum einer europäischen Identität halte: das scheinbar unausrottbare Bedürfnis nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte unseres Kontinents geprägt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen – und schon gar nicht die Deutschen.
Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den
Widerstand gegen die anderen imperialen Mächte gewinne der eigene Nationalismus
so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist Selbstbetrug und einer der
folgenschwersten europäischen Irrtümer. Er verführt auch heute noch viele junge
Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder Mächte zu sehen und die eigene
Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien für berechtigt zu halten. Was
Europa immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die
Kunst der Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der
Wahrung gegenseitiger Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa
endlich verlernen muss, ist das ständige Verteilen von Ketzerhüten, das
Ausmachen von Achsen des Bösen und von immer neuen Schurkenstaaten.
Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher
Ach
Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der großen Krisen und Kriege des Kontinents
überstanden war – nach dem 30-jährigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen
Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg –, konnte man hoffen,
der machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe
einem überlebenstüchtigeren Weltverständnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen
wie durch einen Fluch die Völker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg
der Dominanz und der Konfrontation zu gehen.
Umso wertvoller ist aber das große Gegenbeispiel:
Gorbatschows Hoffnung, dass auch für alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion
eine neue Sicherheitsordnung möglich sei, die den unterschiedlichen
Sicherheitsbedürfnissen gerecht werden würde, war in der Charta von Paris
durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer
Kooperation zwischen dem alten Westeuropa und den neuen östlichen Staaten. Das
war damals auch die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es
gab keinen Plan, kein Konzept, die Vision war einfach zu undeutlich.
Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden
Wie
schnell sich wieder das Gefühl des leichten Triumphes einstellte, lässt sich an
einem traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien
gehörte zu den blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus
gelöst und die jahrhundertealten nationalen Rivalitäten aus der Zeit der
Donau-Monarchie einigermaßen befriedet. Es wäre nichts leichter gewesen, als
diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine Öffnung nach Europa und zur EU
anzubieten.
Es hätte Zeit
gebraucht, aber es wäre möglich gewesen. Man hätte nur darauf verzichten
müssen, dem nationalen Drängen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben
und das neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit
allerdings fehlte völlig im Überbietungswettstreit um die Anerkennung neuer
Nationalstaaten auf dem Balkan. Der bosnische Bürgerkrieg, Srebrenica, die
Zerstörung Sarajewos, Hunderttausende Tote und traumatisierte Menschen, der
völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die
völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbständiger Staat, das
vielfältige Aufbäumen von neuen nationalen Chauvinismen wären vermeidbar
gewesen.
Was bedeutet das alles für die unmittelbare Gegenwart
und für die deutsche Politik im Jahre 2023?
Die Koordinaten haben
sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schröder konnte man
davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik
einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum
Konfliktausgleich zwischen den großen geopolitischen Spannungsherden innehatte.
Diese Zeit ist endgültig vorbei.
Ungefähr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo
zu misstrauen und seinen Machtbereich gegen den Westen auszurichten.
Deutschland begann, sich als europäischer Riegenführer im neuen Konzept der
Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den Ukrainekrieg rückte es
endgültig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das begrüßenswerte,
aber medial vielgescholtene Zögern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig von
einer haltbaren politischen Alternative unterfüttert und geriet so ins
Rutschen.
Wirtschaftlich
und politisch zahlen wir dafür einen hohen Preis. Der deutsche
Wirtschaftsminister bemüht sich, die alten Abhängigkeiten von Russland und
China durch neue Abhängigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien
durchgehen können. Die Außenministerin ist die schrillste Trompete der neuen
antagonistischen Nato-Strategie.
Ihre
Begründungen verblüffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die
Rüstungskosten und der Einfluss der Rüstungs- und Energiekonzerne ins
Unermessliche. Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die für die
Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen Südens dringend gebraucht
würden. Das aufsteigende China aber wird propagandistisch als neuer
geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage ständig provoziert.
Das sind alles keine guten Auspizien.
Der Frieden und das Überleben des ganzen Planeten
Und
dennoch: Wenn mich nicht alles täuscht, steht Europa kurz vor der Phase einer
großen Ernüchterung, die das eigene Selbstbild tief erschüttern wird. Für mich
aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach
lernen, dass die übrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht
beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer neuen antichinesischen
Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen nicht
besonders erfolgreich zu sein.
Wie
konnten wir nur annehmen, dass das große China und die Hochkulturen Asiens die
Zeit der willkürlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen würden? Wie
sollte der leidgeprüfte afrikanische Kontinent die zwölf Millionen Sklaven und
die Ausbeutung all seiner Bodenschätze je verzeihen? Warum sollten die alten
Kulturen Lateinamerikas den spanischen und portugiesische Konquistadoren ihre
Willkürherrschaft vergeben? Warum sollten die indigenen Völker weltweit das
Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach beiseiteschieben in ihrem
historischen Gedächtnis?
Meine
Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue Blockfreienbewegung
ergeben wird, die nach der Zeit der vielen Völkerrechtsbrüche wieder am
alleinigen Recht der UNO arbeiten wird, dem Frieden und dem Überleben des
ganzen Planeten zu dienen.
Die Grünen waren mal Pazifisten
Meine
ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die
Grünen, meine Partei, hatte einmal alle Schlüssel in der Hand zu einer
wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch glückliche
Umstände dieser Botschaft viel näher als alle anderen Parteien.
Wir
hatten einen echten Schatz zu hüten: Wir waren nicht eingebunden in die
machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten.
Wir waren gleichermaßen gegen die Aufrüstung in Ost wie West, wir sahen die
Gefährdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus.
Wer die Welt retten wollte, musste ein festes Bündnis zwischen Friedens- und
Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir
lebten. Wir hatten dieses Zukunftsbündnis greifbar in den Händen.
Was
hat die heutigen Grünen verführt, all das aufzugeben für das bloße Ziel,
mitzuspielen beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten
Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verächtlich zu machen?
Gegen Hass und den Krieg
Ich
erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die härtesten Bewährungsproben hatten
die großen Repräsentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen
zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den Rückfall der
Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte
äußerste Mühe, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen,
Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom
verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute für uns
letzte Pazifisten.
Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.
Antje Vollmer war Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und hat als Erstunterzeichnerin das Friedensmanifest von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer unterschrieben. Vollmer ist Pazifistin und war Gegnerin des Kosovo- , Irak- und Afghanistan-Krieges. Als Autorin hat sie sich intensiv mit den Akteuren des 20. Juli 1944 und dem antifaschistischen Widerstand beschäftigt. Antje Vollmer ist schwer erkrankt. Man kann ihren Text als politisches Vermächtnis lesen – er ist eine große Abrechnung mit dem Zeitgeist. Wir veröffentlichen den Gastbeitrag in voller Länge. Die Redaktion.
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