"Zeitenwende"? Seit 1914 leben wir in einer Zeit der Katastrophen
Zeitenwende - der Begriff hat historische Dimension, er bezeichnet den Wechsel von Epochen der Menschheitsentwicklung. Wer den Begriff mit Verstand benutzt, muss angeben können, was die gegenwärtige Epoche von vergangenen unterscheidet. Wem der Wechsel von einer Zwischenkriegszeit in den nächsten Krieg schon als Zeitenwende erscheint, dessen historisches Verständnis reicht gerade mal von zwölf bis Mittag.
Wer den Krieg in der Ukraine in geschichtlicher Dimension bewerten will, kommt nicht um die Feststellung herum, dass dieser Krieg sich nicht grundlegend von vielen vorangegangenen der letzten fünfundsiebzig Jahre unterscheidet. Und sollte er tatsächlich - worauf vieles hindeutet - sich zum dritten Weltkrieg ausweiten, dann bestätigt sich darin erst recht der Charakter der gegenwärtigen Epoche, die seit 1914 immer wieder die Welt erschüttert: einer katastrophalen Endzeit der Kämpfe imperialer Großmächte um die Vorherrschaft.
Erst auf diesem Hintergrund wird begreifbar, dass zivilisierte, "aufgeklärte" europäische Gesellschaften sich den Interessen eines fernen "großen Bruders" unterordnen, willig ihm folgend selbst dann noch, wenn sein Machterhalt eindeutig zu Lasten seiner Verbündeten geht. Während Europa in etwas mehr als einhundert Jahren von einem verheerenden Großkonflikt in den nächsten taumelte, konnten die USA in aller Ruhe die wirtschaftliche und militärische Stärke einer Weltmacht aufbauen, die seither in allen katastrophischen Zeitläufen den Europäern Sicherheit garantierte und Teilhabe am ökonomischen Fortschritt bot. Da wird es dann fast unmöglich, in dem Augenblick, da der Beschützer zum Rivalen wird, die freiwillig abgetretene Souveränität wieder aufzurichten und eigene Interessen gegen den großen Bruder zu behaupten.
Gesteigert und verfestigt wurde die freiwillige Unterordnung unter die Ziele und Strategien der transatlantischen Schutzmacht durch den strukturellen Geburtsfehler der EU, dass sie es von 1959 bis heute - zum Unterschied von allen anderen großen Mächten weltweit - nicht zu einem einheitlichen Staatswesen gebracht hat und auch in absehbarer Zeit nicht bringen wird. Infolgedessen ist sie kaum jemals fähig, gegen die hegemoniale Vormacht USA eigene europäische Strategien zu verfolgen. Diese strukturelle Blockade der eigenen Willensbildung hat sich noch erheblich verschärft mit der EU-Erweiterung (2004 und 2007) um zehn ehemalige Ostblockstaaten, die aufgrund ihrer spezifischen Erfahrungen im Sowjet-Imperium sich nun umso enger an die westliche Führungsmacht anschließen.
Indessen haben Europas Eliten sich in dieser Fremdbestimmtheit höchst profitabel eingerichtet und verteidigen sie, selbst auf die Gefahr eines dritten (vermutlich letzten) Weltkriegs mit nuklearem "Armageddon" (Biden). Diese Gefahr wäre daher nur von unten zu bannen, durch einen Aufstand der Völker. Doch dagegen steht ein europäisch-westliches Verständnis von Demokratie, das jede grundsätzliche Opposition gegen die herrschenden Kreise und deren bürokratisch-medial-militärische Herrschaft als "extremistisch" oder "Terror" denunziert.
Wie wäre dies Vorurteil bei den zum Teil ja realen Interessengegensätzen in und zwischen den Völkern Europas zu überwinden? Wie schwer schon die Selbstbehauptung einer einzigen Nation gegen Diktate der internationalen Finanzoligarchie ist, hat das Beispiel Griechenland 2010 gezeigt. Notwendig wäre dafür jetzt eine Friedensbewegung, stark und selbstsicher genug, um sich nicht in die scheinheilige Kampagne für immer noch mehr Waffen "gegen Putin" einspannen zu lassen (wie Teile der deutschen Mainstream-Linken), sondern über Landes- und Parteigrenzen hinweg Front zu machen gegen die Kriegstreiber im jeweils eigenen Land.
Solange es dazu nicht kommt, bleibt uns nur das unverzagte Bemühen, immer wieder, in immer neuen Versuchen an den Selbsterhaltungstrieb der Mehrheit zu appellieren. Wie Kassandra vor Trojas Untergang.
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