Sanktionen: Dummheit ist kein Argument

 Seit allgemein anerkannt ist, dass die von der US-Regierung durchgedrückten Wirtschaftssanktionen nicht nur den Kriegsgegner Russland treffen, sondern viel mehr noch Deutschland als Vormacht des potentiellen EU-Konkurrenten der USA schaden, rätsele ich über die Motive, warum die herrschende Klasse in Deutschland sich so willfährig am Nasenring durch die Manege ziehen lässt. Das mit politischer Dummheit zu erklären, wie Kriegsgegner hierzulande es häufig tun (z.B. nennt Oskar Lafontaine in seinem neuen Büchlein "diese Regierung die dümmste, die wir hatten seit Bestehen der Bundesrepublik"), solch ein plumper Verriss anstelle polit-ökonomischer Analyse hat mich nie überzeugt.

Motive könnten sein:

- Die deutsch-europäische Finanzoligarchie ist heute noch mehr an der Erhaltung und Stärkung des bedrohten Weltwährungssystems um die Leitwährung Dollar interessiert als an einem ohnehin aussichtslosen Konkurrenzkampf Euro gegen Dollar.

- Die deutsche Großindustrie hat sich inzwischen soweit globalisiert, dass ihr Deutschland weder als Investitionsstandort noch als Absatzmarkt zwingend überlebenswichtig erscheint und sie Sanktionen ohne Schwierigkeiten ausweichen kann. - Mit einer politischen Ausnahme allerdings: Sanktionen gegen ihre Aktivitäten in China kann die deutsche Wirtschaft nicht hinnehmen, darum kann der Konflikt mit den USA sich zuspitzen.

- Bezogen auf den Warenexport fürchtet die deutsche Industrie in der Breite das weltweite Sanktionsregime der USA schon als ernsthafte Bedrohung, sieht sich aber einem Wirtschaftskrieg dagegen nicht gewachsen.

- Der stark expandierende deutsch-europäische Militär-Industrie-Komplex verspricht sich im Tross der US-Kriegsmaschine kurz- und mittelfristig enorme Extraprofite.

- Die auf den Binnenmarkt angewiesenen, von Klein- und Mittelunternehmen dominierten Branchen sehen sich einer Notstandswirtschaft mit wegbrechender Inlandsnachfrage infolge wachsenden Sanktionsdrucks aus USA hilflos ausgeliefert, können auch von der Politik keine umfassende Rettungsstrategie erwarten (eingedenk des politischen Desasters bei Corona!) und beugen sich folglich dem Willen der US-Regierung als dem kleineren Übel.

- Das politische und mediale Establishment folgt - in Deutschland traditionell immer besonders eifrig - der feigen Maxime, wo eigene Übermacht nicht hinreicht sich jeweils dem Stärkeren unterzuordnen, und hofft als Hilfssheriff der imperialen Oberherren auch selbst auf Zugewinne an Macht und Einfluss in der Welt.

Unter diesen Bedingungen ist die einzige gesellschaftliche Kraft, die dem US-Diktat widerstehen und die Souveränität Deutschlands (-Europas?) verteidigen könnte: die Masse der kleinen Leute, die alle Kriegs- und Sanktionslasten tragen müssen. - Doch diese Masse verhält sich in Deutschland - auch das historisch bedingt - wieder besonders obrigkeitsfromm. Nicht so sehr gegen die Hegemonialmacht im Westen als gegenüber der staatstragenden Klasse im eigenen Land.

Das sind keine guten Aussichten für ein schnelles Ende des Ukrainekriegs.

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