"Eine Stimme der Vernunft" aus USA

Auszug aus einem Interview des US-Journalisten Aaron Maté mit dem ehemaligen Pentagon-Berater Colonel Doug Macgregor, vormals Direktor des Joint Operation Center der US-Armee im Krieg gegen Serbien, in der New York Times (auszugsweise nachgedruckt in den NachDenkSeiten vom 26.11.2022 unter der Überschrift: "Wieso ruft der Chef des US-Generalstabs Mark Milley jetzt zu Verhandlungen mit Russland auf?")


Macgregor: "Seit dem 24. Februar haben du und ich und alle Leute der ukrainischen Siegesrede gelauscht: 'Die Ukrainer gewinnen, sieh doch, sie gewinnen…'

Nun, sieh dir die Landkarte an. Sie gewinnen mitnichten. Und sie haben schon mehr als 100.000 Tote und noch mehr Verletzte. Und eine große Menge an Ausrüstung ging verloren – zerstört oder gestohlen. Sie pfeifen momentan auf dem letzten Loch. Sie haben nichts mehr aufzubieten – sie warten nur noch, bis der Hammer erscheint, der sie zermalmen wird, und deshalb sagt Milley: 'Sie haben ungefähr alles getan, was man erwarten kann, ich finde, sie sollten jetzt verhandeln' und welche Antwort bekommt er? 'Auf keinen Fall. Wir müssen die Russen kleinkriegen, sie besiegen, sie müssen begreifen, wir müssen ihnen diese Lektion erteilen'. Es ist verrückt. (...)

Es ist nun im russischen Interesse, die Ukrainer frieren zu lassen. Es ist im russischen Interesse, die Europäer frieren zu lassen. Ganz besonders die Deutschen. Wir haben dafür gesorgt und es herbeigeführt. Nicht die Russen waren es, sondern wir. Und das wissen die Russen. Es gehört nicht zu den Sachen, die sie zu Beginn ihrer Operation, dieser SMO*, geplant hatten.

Diese SMO* begann sehr begrenzt, sehr gezielt und sollte ein bestimmtes Ergebnis liefern. Doch dazu kam es nicht. Die zugrundeliegenden Annahmen waren fehlerhaft. Die Russen konnten nicht ahnen, dass wir militärische Ausrüstung im Wert von so vielen Milliarden Dollar liefern würden. Ich glaube auch nicht, dass sie damit rechneten, dass wir Angestellte britischer oder US-amerikanischer Firmen, ehemalige oder sogar aktive Soldaten in ziviler Kleidung, an die Front schicken würden, um komplexe Systeme wie den HIMARS-Raketenwerfer zu bedienen. Wir kennen nicht einmal das volle Ausmaß dieser Aktivitäten. Ich glaube auch nicht, dass sie damit rechneten, dass auf Kommandeursebene NATO-Personal zur Unterstützung des ukrainischen Personals eingesetzt werden würde. Und sie ahnten nicht, dass NATO-Hauptquartiere die ukrainische Kriegsführung aus der Ferne lenken würden.

So haben die Russen den Gegner falsch eingeschätzt, diese Einschätzung müssen sie nun korrigieren und unbarmherzig werden, um diesen Krieg zu einem Ende zu bringen. 

Und ich glaube, General Milley weiß über diese Dinge Bescheid. Und Milley kann nicht der Einzige sein, und deshalb glaube ich, er ging ins Weiße Haus, sagte dort die Wahrheit und war nicht zufrieden mit der Antwort, die man ihm gab. (...) 

Ich glaube, sein [Putins] größtes Problem war, nicht zu verstehen, was uns derzeit in Washington regiert, diese Bande die entschlossen ist, auf Teufel komm raus, Russland zu ruinieren, das Land und seine Regierung zu zerschlagen, und zweitens glaube ich, er unterschätzte, in welchem Ausmaß wir tatsächlich in Kiew das Sagen haben.

Und London, das außer uns der schärfste Befürworter des Krieges mit Russland ist, wie du am Einsatz ihrer Spezialkräfte als Trainer und Assistenten an allen möglichen Stellen in der Ukraine sehen kannst, bildet auf britischem Boden tausende ukrainischer Soldaten aus, schon seit einiger Zeit. London als Teil jener Achse mit Washington, das im Sinne von Washington agiert.

(…)"

*SMO= "Spezielle Militär-Operation"

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=90830

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