Rob Kenius: Die Finanzmacht treibt in den Krieg

Die Wirtschaft strebt zum Erwerb von Geld. Das gilt auch für den privaten
Bereich. Die meisten Menschen wollen viel Geld verdienen. Geld ist Mittel und
Ziel. Was sich aus diesem Trend ergibt, ist überall sichtbar, auch Gegenstand von
Wissenschaft, Beifallrufen und Warnungen. Doch als höchster Wert und als Ziel
des Handelns wird Geld immer weniger sinnvoll, ganz einfach deshalb, weil es
schon viel zu viel davon gibt.
Am Anfang der industriellen Revolution war Geld knapp, und die Ressourcen
der Erde, die man intensiv zu nutzen begann, waren unermesslich. Bodenschätze
wurden in Energie umgewandelt und dienten als Material für alles, was der
Mensch begehrt. Heute hat sich die Sachlage umgedreht. Die Ressourcen und
Möglichkeiten auf der Erde sind knapp geworden, und die Menge des Geldes ist
beinahe unendlich.
Nicht nur Finanzleute, auch Politiker schmeißen mit Milliarden um sich,
doch sie sind blind gegenüber diesen Zahlen. Milliarde ist eine Zahl, die das
menschliche Gehirn nicht erfassen kann. Um bis zu einer Milliarde zu zählen,
würde ein Menschenleben nicht ausreichen. Wir können mit solchen Zahlen
rechnen, aber wir können sie uns nicht konkret vorstellen. Deshalb wird der Wert
von Geld, wenn es in die Milliarden geht, falsch eingeschätzt.
Wenn der Bundeskanzler, der sich mit der Finanzwelt auskennt, hundert
Milliarden für Rüstung ausgeben will, weiß er, dass er dieses Geld durch
Schuldenaufnahme leicht bekommen kann, er muss nur seinen Beschluss im Lande
durchsetzen. Auch das ist einfach, weil vielleicht nur sieben von siebenhundert
Bundestagsabgeordneten die Zahl 100.000.000.000 und die Folgen eines solchen
Kredits überblicken können. Und wenn es doch deutlich mehr als sieben sind,
frage ich, warum niemand in der Ampel-Koalition das zur Sprache gebracht hat.
Um die Beziehungen zwischen Finanzwirtschaft, Wirtschaft und Volkswirtschaft
zu verstehen, stellen wir uns am besten auf den Standpunkt, dass die Geldmenge
quasi unendlich ist. Unendlich ist ein handlicher Begriff für Mengen, die wir nicht
zählen und mit unserem beschränkten Gehirn nicht erfassen können.
Diese Erkenntnis verschiebt Wertungen in der Wirtschaft und bei der Politik
gewaltig. Das Privateigentum erhält durch die unbegrenzte Geldmenge eine
Dimension, die über die Realität hinausgeht. Der Eigentumsbegriff wird dadurch
ins Immaterielle ausgedehnt. Geld in diesem Überfluss hat keinen materiellen
Wert, aber es hat Macht über Wirtschaft und Politik.
Doch zunächst die Frage: Wo kommt all das Geld her? Geld wird von privaten
und staatlichen Banken nach Belieben aus dem Nichts erschaffen. Dazu bedarf
es nur der Kreditaufnahme. Wenn der Bund von der Bankenwelt 100 Milliarden
haben will, bekommt er die, aber dieses Geld war vorher nicht vorhanden, es wird
generiert. Man macht eine Gutschrift und dann wird die Geldmenge um 100 Mrd.
größer. Das ist girale Geldschöpfung. Viele machen einen gedanklichen Unter-
schied zwischen real in Scheinen vorhandenem Geld und Giralgeld, aber der be-
steht nicht. Mit jedem Geld kann man, wenn man genug davon hat, machen was
man will.
Weil private Banken auf der ganzen Welt unkontrolliert Geld erschaffen,
wächst die Geldmenge ständig, und immer schneller. Sie ist jetzt schätzungsweise
viermal so groß wie benötigt, um die Wirtschaft und alle privaten Geschäfte zu
betreiben. Drei Viertel allen Geldes sind überflüssig und kursieren nur in der
Finanzwelt. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, reale Werte, z. B. Aktien, zu
kaufen, greifen die Geldbesitzer zu, und zwar sehr schnell. Wenige Tage nach
der Ankündigung der 100 Milliarden für deutsche Rüstung waren die Aktien der
Rüstungsfirma Rheinmetall schon auf mehr als das Doppelte angestiegen. Nur
wegen der Absichtserklärung.
Der größte Kredit der jährlich vergeben wird, ist der Kredit der Notenbank FED
an die Regierung der USA. Die Neuverschuldung ist in den letzten Jahren fast
genau gleich den Militärausgaben. Im Jahre 2022 sind das 800 Milliarden US-
Dollar. Es besteht zwischen der privaten FED und der Administration der USA
Ein Einvernehmen, dass dieser Kredit nie zurückgezahlt wird. Das Banken-
Konsortium finanziert damit das US-Militär und erhöht gleichzeitig die Menge
an Dollars um diesen Betrag.
Das müsste eigentlich zur Inflation führen. Die Inflation wird dadurch gebremst,
dass der US-Dollar die globale Leitwährung ist. Das heißt zum Beispiel, dass die
chinesische Währung bis vor kurzem fest an den Dollar gekoppelt war. China hat
den Dollar gestützt und so auch das US-Militär mitfinanziert, denn das Militär
verursacht das große Finanzloch. Alle Staaten, die den US-Dollar als Leitwährung
anerkennen, insbesondere Saudi-Arabien, beteiligen sich an der Finanzierung der
US-Militärpräsenz. Die Chinesen haben das jetzt revidiert.
Das US-Militär hat die Aufgabe, zu verhindern, dass große oder reiche Länder den
US-Dollar nicht mehr als Leitwährung anerkennen, insbesondere, wenn sie Ölquel-
len besitzen. So geschah es mit Irak und Libyen, es wurde versucht in Syrien. Auf
der Liste der Widerspenstigen stehen Venezuela, Iran und an erster Stelle Russland.
Mit der riesigen überschüssigen Geldmenge würden Investoren gerne an das
russische Öl und die Bodenschätze in Sibirien. Aber die Quellen und Minen
sind in Staatsbesitz und werden nicht verkauft. Russland verkauft nur Öl und
Gas, auch Diamanten und Erze, aber keine Lagerstätten. Unter Jelzin war das
anders, da haben Oligarchen sich das Staatseigentum gegriffen und an den Westen
verscherbelt. Der Nachfolger Putin hat das Spiel durchschaut und damit Schluss
gemacht. Auch China erkennt den Dollar nicht mehr als Leitwährung an und wird
jetzt von den USA bedroht: Flugzeugträger im Chinesischen Meer und andere
Aktivitäten der USA.
Das US-Militär greift nicht an, weil Russland und China zu groß sind und Atom-
waffen besitzen. Die Funktion der Nato ist hinlänglich bekannt. Nachdem die SU
sich aufgelöst hat, dient die Nato der Einschnürung Russlands. Dazu ist jedes
Mittel recht; denn Russland ist mit seiner riesigen Fläche und den entsprechenden
Bodenschätzen für die unendliche Finanzmacht der USA das begehrteste Objekt
auf dem Globus.
Die virtuelle Macht des Fiat-Geldes, ohne materiellen Gegenwert, zielt mit
Rüstung und Militär auf die real vorhandenen Bodenschätze im größten Land
der Welt. Man kann es auch so ausdrücken: Das US-Militär und seine weltweite
Präsenz sind der reale Arm der amerikanischen Finanzmacht.
Dass irgendwann ein Krieg ausbrechen würde, ist bei der Taktik der Finanz- und
Militärmacht USA selbstverständlich und wird gern in Kauf genommen. Dass
es gerade die Ukraine trifft, war vorhersehbar, denn die Ukraine wäre das größte
Nato-Land Europas, direkt an der Grenze Russlands. Die längste Zeit in seiner
Geschichte hat Ukraine zu Russland gehört. Kiew ist eine der ältesten von Russen
gegründeten Städte. Die Ukraine ist außerdem instabil und bereits seit 2014 im
Bürgerkrieg gegen die eigenen Ostprovinzen, denen im Minsker Abkommen
Autonomie zugesagt wurde.
Eine Lösung des Problems wäre einfach: Kein Nato-Beitritt, Neutralität und
Abkehr vom Nationalismus einer radikalen Minderheit in diesem größten und
fruchtbarsten Agrarland Europas. Das wollen aber die USA und ihre Finanzmacht
nicht. Sie müssen mit ihren Dollar-Billionen irgendwo hin, wo reale Werte zu
haben sind. Russland ist das lukrativste Objekt auf dem Globus und Ukraine das
große Einfallstor, das schon halb geöffnet ist.
Wieso eine deutsche Regierung im Jahre 2022, statt Frieden zu vermitteln, als
Kriegstreiber gegen Russland auftritt, selber aufrüstet und sich dafür begeistert,
schwere Waffen ins Kriegsgebiet zu liefern, das ist eine Frage, die niemand
rational beantworten kann, es sei denn, man sagt einfach, wir machen das, was die
USA von uns wollen. Das wäre wenigstens ehrlich.

Quelle: https://www.ossietzky.net/artikel/die-finanzmacht-treibt-in-den-krieg/

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