Der Ukrainekrieg ist der letzte Stoß, mit dem der Westen die Weltherrschaft verliert
Jahrhundertelang dominierte „der Westen“ mit seinem messianischen Fortschrittsglauben und, diesen begründend, mit seiner wissenschaftlich-technologisch-wirtschaftlichen Überlegenheit die Welt. Das abendländische Sendungsbewußtsein hatte sich in zwei – heftig konkurrierenden, aber doch sehr ähnlichen – Ideologien ausgeprägt, die beide in der Ideenwelt der europäischen Aufklärung wurzeln:
o im Gesellschaftsmodell des demokratisch-pluralistisch-individualistisch-liberalen
Kapitalismus,
o im marxistischen Projekt, die sozialen
Fehlentwicklungen des entfesselten Raubkapitalismus von Grund auf, nämlich von
unten her zu überwinden.
Beide Modelle
wollten die ganze Welt missionieren und nach ihrem Bilde formen – und beide
sind sie daran gescheitert. Und zwar beinahe zeitgleich: Als das Sowjetimperium
an seinen inneren Widersprüchen kollabierte und die VR China sich anschickte,
mit einem ganz eigenen nationalen Entwicklungsprogramm zur neuen Großmacht
aufzusteigen, hatte die aus dem Kalten Krieg übrig gebliebene US-Weltmacht ihre
erste entscheidende Niederlage in Vietnam schon erlitten. Seitdem versucht sie,
als Führungsmacht des „Westens“, mithilfe ihrer noch immer überlegenen
Militärtechnologie ihre Vorherrschaft zu verteidigen, in schon fast pausenlosen
Regime-Change- und Stellvertreterkriegen rund um die Welt, und jedesmal mit
weniger Erfolg. Die Osterweiterung der NATO bis direkt an die Grenzen Russlands
dient genau diesem Ziel und keinem anderen.
Doch nun
markiert der brutale Überfall Russlands auf die Ukraine zur Sicherung seines
„Vorfelds“ gegen das weitere Vordringen des westlichen Rivalen die historische
Wende zu einer neuen Weltordnung. Wie die Reaktionen der Mehrheit
nicht-westlicher Staaten zeigen, folgt diese neue Weltordnung nicht mehr der
westlichen Vormundschaft, sondern sucht eigene, durchaus unterschiedliche Wege
in eine ökonomische und kulturelle Multipolarität.
Das heute noch
nicht absehbare Ende dieses Krieges wird die NATO-Verbündeten der USA und
zuletzt diese selbst vor die unvermeidliche Frage stellen, ob sie in dieser
neuen, multipolaren Welt der ewig aggressive Störenfried bleiben oder sich friedlich
und konstruktiv einbringen wollen und können. Keine der aufstrebenden neuen
Mächte kann und wird dem Westen verwehren, an seinem traditionellen Wertesystem
festzuhalten – aber mit dessen missionarischem Anspruch auf Weltgeltung ist es
nach diesem Krieg, wie immer er ausgehen kann, endgültig vorbei.
Uns „Wessis“
eröffnet sich damit eine neue Chance, unsere alte Überheblichkeit endlich zu
überwinden und auf Augenhöhe von anderen Völkern und Kulturen zu lernen.
Wolf Stammnitz
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