Impfstoff-Nationalismus

Parallel zum Auftauchen einer neuen Mutation des Covid-Virus in England wurde eine weitere Variante von einem Forschungsteam unter Leitung des südafrikanischen Kwazulu-Natal Research Innovation and Sequencing Platform (KRISP) entdeckt. Noch steht nicht fest, ob und wie das Auftauchen der neuen Variante sich auf die Impfstrategien auswirkt. 

Südafrika ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder in Afrika. Bis Freitag infizierten sich in dem Land mit seinen knapp 60 Millionen Einwohnern mehr als 900.000 Menschen, mehr als 24.000 starben. Südafrikanischen Ärzten zufolge infizierten sich während der zweiten Welle mehr jüngere Menschen als zuvor. 

Gesundheitsminister Zwelini Mkhize erklärte, an dem geplanten Impf-Programm werde man festhalten, solange es keine neuen Erkenntnisse gebe. Afrikas Fernsehzuschauer ahnen aber schon, dass sie beim Wettrennen um die lebensrettenden Impfstoffe abgehängt wurden. „Impfstoff-Nationalismus“ wird als ein Schlagwort des Jahres 2020 in die Geschichte eingehen: Nach Recherchen der „Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health“ haben die Regierungen der Industrienationen bereits 7,5 Milliarden Impfstoff-Dosen bestellt und bezahlt – mehr als die Hälfte aller Vakzine, die bestenfalls in den nächsten Monaten produziert werden können. Damit könnten die reichen Staaten des Westens ihre gesamte Bevölkerung im Lauf des kommenden Jahres mindestens dreimal „durchimpfen“.

Wo der Rest der Welt – immerhin 85 Prozent der Menschheit – bleibt, ist ungewiss. Nach Afrika, wo mittlerweile 1,3 Milliarden Menschen leben, kann das Serum frühestens Mitte 2021 kommen.

Auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde zwar schon im April 2020 die „Covid-19 Vaccine Global Access Facility“ (Covax) gegründet, ein Zusammenschluss von 187 Staaten, der auch armen Ländern der Zugang zu Impfstoffen ermöglichen soll. Bisher wurden zwei Milliarden US-Dollar in die Finanzierung der Initiative eingezahlt. Damit könnten gerade mal drei Prozent der Bevölkerung der südlichen Erdhalbkugel geimpft werden. Wie die Weltbank errechnete, müssten die 54 Staaten Afrikas weitere zwölf Milliarden Dollar aufbringen - eine unerfüllbare Bedingung angesichts der von der Pandemie ohnehin schwer angeschlagenen Volkswirtschaften des globalen Südens.

Die Regierungen Südafrikas und Indiens hatten deshalb versucht, bei der Welthandelsorganisation WTO eine vorübergehende Aufhebung der Patentrechte auf Impfstoffe zu erreichen. Dann könnten auch andere Pharma-Unternehmen ohne ausdrückliches Einverständnis der Patentinhaber den Impfstoff herstellen. Obwohl weit über 100 Staaten den Vorschlag unterstützten, scheiterte die Initiative am Widerstand des "Westens". Wie die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ feststellte, sei damit eine  Chance vertan worden, „das Wohl der Menschheit über die Profite von Unternehmen zu stellen“.

Selbst wenn im April die ersten Dosen am Kap der Guten Hoffnung landen würden, wäre noch wenig gewonnen. Das Gemeinschaftsprodukt von Biontech und Pfizer muss dann auf minus 70 Grad gekühlt überall verteilt werden. In weiten Teilen Afrikas ist das heute so gut wie ausgeschlossen.

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